Anonymer Gastbeitrag

Gastbeitrag eines anonymen Ghostwriters über die Woche vom 10.12. bis 16.12.2017

Unter dem Motto „auf in den vorweihnachtlichen Urlaub“ machten wir uns am 10.12.2017 auf den beschwerlichen Weg nach Cleveland, Ohio, um dort eine tolle gemeinsame Woche zu verbringen. Dabei führte uns der Weg von Berlin über Amsterdam nach Detroit und schließlich nach Cleveland. Schon in Berlin drohte unsere Reise zunächst zu scheitern. Der Grund dafür war ein angeblicher heftiger Schneesturm in Amsterdam. Zwischenzeitlich hieß es sogar, dass der Flughafen in Amsterdam komplett geschlossen sei und ein Flug nach Amsterdam unter Umständen erst am kommenden Tag möglich sei. Gerade als wir unseren Urlaub gedanklich schon fast abgeschrieben hatten, ging auf einmal alles ganz schnell und wir konnten in Richtung Amsterdam starten. Von den ursprünglich geplanten 90 Minuten bis zum Weiterflug Richtung Detroit waren nur noch ca 10 geblieben, als wir in Amsterdam landeten. Man machte uns jedoch Hoffnung, dass wir unseren Anschlussflug noch bekommen könnten.

Kaum aus dem Flieger in Amsterdam ausgestiegen machte sich die Ernüchterung beim Blick auf die Anzeigetafel breit. Dort stand für unseren Flug nach Detroit nämlich „Boarding closed“. Dennoch wollten wir nicht aufgeben und es ging im Dauerlauf gefühlte 2 km bis zu unserem Gate. Dort erwartete uns dann überraschender Weise bereits die Security für einen letzten Check vor Betreten des Flugzeuges. Es wartete tatsächlich auf uns und zwei weitere US Bürger, die wir bereits in Tegel kennengelernt haben (Erik & Kiersten) und welche nach einem Urlaub in Deutschland tatsächlich genau die gleiche Route wie wir bis nach Cleveland nahmen. Natürlich gab es ausgerechnet bei uns dann auch noch einen Sprengstoff-Alarm im Rahmen des Security Checks… Na super also komplett das Handgepäck einmal öffnen und ein zweites Abtasten über sich ergehen lassen… Apropos Gepäck: zwar würden wir es wohl gerade so noch ins Flugzeug schaffen, aber was würde mit unserem Gepäck passieren? Wir hofften einfach mal auf das Beste. Schließlich saßen wir dann doch noch im Flieger nach Detroit und waren erstmal einfach nur glücklich. Kaum im Flieger gab es die nächste schlechte Nachricht: der Flughafen wurde aufgrund des Schneefalls komplett geschlossen (Mittlerweile schneite es wirklich). Uns blieb nichts übrig als zu warten und zu hoffen, dass ein baldiges Fliegen möglich sein wird. Nach dreistündigem Warten auf dem Rollfeld hatte Amsterdam seinen Flughafen aber scheinbar so weit vom Schnee befreit, dass ein Starten endlich möglich war. Unseren Anschlussflug von Detroit nach Cleveland würden wir aber in jedem Fall verpassen. Was nun? Einen späteren Flug nehmen oder doch ein Mietauto – schließlich fährt man ja nur ca. 2 h mit dem Auto, aber wollen wir das wirklich nach so langer Reise noch bewerkstelligen? Am Ende kam alles anders und zum ersten Mal besser als wir dachten: die Fluggesellschaft hatte unseren Flug bereits umgebucht und wir konnten die letzte Maschine des Tages von Detroit nach Cleveland nehmen. Ich persönlich habe von diesem Flug nur den Start und die Landung mitbekommen. Alles dazwischen fühlt sich für mich wie ein Filmriss an. Aber wir haben es tatsächlich geschafft. Unser Gepäck übrigens erstaunlicherweise auch!

Nach einer Nacht Schlaf ging es dann direkt zu den Niagarafällen.

Da ein gewisser PPP Teilnehmer nur für drei festgelegte Tage sein Visum für Kanada hatte, mussten wir trotz drohender Schneefront direkt am ersten Tag Richtung Niagarafälle/ Kanada.
Zunächst haben wir uns die amerikanische Seite angeschaut und ich fand bereits diesem Anblick und vor allem die Geräuschkulisse einfach nur atemberaubend. Es war zwar extrem kalt und einfach alles inklusive sämtlicher Geländer, Wege und ans Wasser angrenzender Wiesen war mit einer Eisschicht überzogen, aber im Nachhinein würde ich sagen, dass genau das den Reiz für mich ausmachte. Ein positiver Nebeneffekt war die Tatsache, dass kaum bis keine anderen Touristen vor Ort waren.

Niagarafälle (amerikanische Seite)
vereiste Pflanzen (amerikanische Seite)

Im Anschluss ging es dann auf zur kanadischen Seite der Fälle. Die empfand ich sogar als noch atemberaubender, wenngleich dort das Wetter noch unangenehmer war und schließlich der angekündigte Schneesturm einsetzte. Im Sommer ist die Sicht sicherlich um einiges besser, aber auch der Winter hat dort seine Reize. Nachdem wir noch hinter die Fälle gingen, verließen wir diesen magischen Ort auch wieder in Richtung Toronto. Leider wurde der Schneesturm so heftig, dass wir kurz vor Toronto aufgeben und uns ein Hotel zum Übernachten suchen mussten. Zum Schluss schafften wir nämlich nur noch ca. 10 km pro Stunde. Zusätzlich erschwert wurde die Reise durch die Tatsache, dass kein Handy Netz, geschweige denn Internetempfang hatten und wir ohne Navigation schlichtweg aufgeschmissen waren.

Niagarafälle (kanadische Seite)
Niagarafälle (kanadische Seite)
Niagarafälle (kanadische Seite)
Niagarafälle (kanadische Seite)

Am nächsten Morgen wollten wir dann einfach nur noch zurück in die USA. Diese Rückfahrt nahm dann auch mehr oder weniger den gesamten zweiten Tag ein.

Die kommenden beiden Tage wurden dann mit Shopping und dem Besuch der Gastmama des bereits besagten PPP Teilnehmers gefüllt. Außerdem haben wir uns das riesige College angesehen, was mich eher an ein deutsches Universitätsgelände erinnerte und insgesamt wie im Film war.

Dabei möchte ich mit einigen Vorurteilen aufräumen (bzw. sie bestätigen?).

Nr 1: In den USA ist einfach alles größer!
Das ist tatsächlich so unzwar in jeder Hinsicht. Wir durften größere Autos, größere Parkplätze, größere Menschen, größere Einkaufswagen (die waren so groß wie Doppelkinderwagen), größere Portionen, größere Häuser, größere Entfernungen, größere Supermärkte usw. sehen. Zum Teil empfand ich das als echt praktisch, besonders im Supermarkt, wo man in den großen Gängen auch einfach mal Platz hatte und sich nicht gegenseitig blockierte, wenn zwei Einkaufswagen aneinander vorbei wollten. Wobei man bei der festgestellten Mentalität, auch die kürzeste Strecke mit dem Auto zurücklegen zu müssen, manchmal den Eindruck hatte, dass Amerikaner am liebsten auch mit dem Auto durch die Gänge im Supermarkt fahren würden. Außreichend Platz wäre zumindest vorhanden gewesen.

Nr. 2: Es gibt nur fettiges Essen:
Was man nicht abstreiten kann, ist die Tatsache, dass es an jeder Ecke Fastfood-Restaurants gibt. Das ist aber einfach der amerikanischen Esskultur geschuldet. Dort frühstückt man eventuell noch zu Hause, aber weitere Mahlzeiten werden nur allzu gern unterwegs eingenommen. Da fährt man dann eben mittags zur Burgerbude und abends nach der Arbeit gibt es ein Fastfood-Sandwich. Zum Teil kann man sich auch seine Frühstückswaffeln im Restaurant holen usw. Tatsächlich gibt es generell wenig Gemüse, selbst Salate in Restaurants bestanden bei uns i.d.R. aus Salat, etwas Mohrrübe, 1-2 kleine Tomaten oder Tomatenscheiben, 1-2 Gurkenscheiben, Ruccola und Croutons (die waren eigentlich bei jedem Salat den wir in der kurzen Zeit probierten dabei). Dazu gibt es immer ordentlich Dressing. Ansonsten wurden als Sides (also Beilagen) neben Pommes, Backkartoffeln, Kartoffelpüree usw. oftmals Bohnen angeboten. Diese gab es dann als uns bekannte grüne Bohnen oder als für uns eher untypische britische Bohnen. Insgesamt ist das Essen schon recht kalorienhaltig, aber letztendlich gibt es auch fast immer mehr oder weniger reichhaltige, gesunde Alternativen. Die Aussage, dass es NUR fettiges Essen gibt, kann so also nicht stehen bleiben. Dennoch kann man ganz klar sagen: Wer fettiges und kalorienreiches Essen möchte, der wird es an jeder Ecke finden.

Nr. 3: Ohne Auto ist man in den Staaten aufgeschmissen:
Das ist so eindeutig wahr. Nicht einmal in der Großstadt Cleveland gab es einen öffentlichen Nahverkehr. Wir haben zwar zwei oder drei Mal einen Bus gesehen, aber das Liniennetz scheint schlechter ausgebaut zu sein, als auf einem brandenburgischen Dorf, wo der Bus einmal pro Stunde fährt. Das fand ich doch sehr erschreckend. Verkehrsmittel, wie S-Bahn, U-Bahn, Regionalzüge, Straßenbahnen usw. wie man sie aus deutschen Großstädten kennt, gab es überhaupt keine. Das hat mich doch sehr verwundert, da ich eigentlich erwartet hätte, alle größerem Städte seien vergleichbar mit New York, wo zumindest ein sehr gut ausgebautes U-Bahn Netz vorhanden ist. Wie ich von Erik und Kiersten jedoch erfuhr, sei NYC da eher die Ausnahme. Dafür aber kommt man mit dem Auto wirklich überall hin. Es gibt überall Parkplätze und man kann gefühlt bis direkt an jede Attraktion fahren. Wir fuhren z. B. an einen Strand am Eriesee, wo man auf einen Parkplatz fährt, zwei Treppen zum Wasser herunter geht und dann direkt am Strand steht. Das empfand ich schon als sehr bequem, als wir später dann zum Essen bei Ruth und Jonathan eingeladen wurden, fragten sie uns jedoch, wieso wir mit dem Auto nicht direkt bis an den Strand gefahren seien. Das fand ich doch sehr lustig und wäre in Deutschland vermutlich unvorstellbar.

Nr. 4: Die Amerikaner sind oberflächlich:
Mag sein, dass viele die Hilfsbereitschaft und die Floskeln „How are you doing?“, „Thank you so much.“, „You’re so welcome!“, „Have an wonderful day.“ usw. von vielen als ungewohnt und daher als oberflächlich abgestempelt werden. Vielleicht ist es auch oberflächlich, aber für mich sind die Amerikaner die hilfsbereitesten und freundlichsten Menschen, die ich bisher kennenlernen durfte. Für mich macht es da ehrlich gesagt auch keinen Unterschied, ob die Freundlichkeit ehrlich oder nur gespielt ist, sie hilft einfach weiter. Und das immer. Service wird in den USA generell sehr groß geschrieben. Klar im Restaurant bestimmt der Service einen großen Teil des Trinkgeldes und dieses wiederum stellt einen großen Teil des Lohns dar. Aus diesem Grund wird man auch immer freundlich bedient und bekommt am Ende auch das zweite 0,4 Liter Glas Ginger Ale auf den Tisch gestellt, während das erste noch halb voll ist. Und dafür zahlt man dann auch gern ein bisschen mehr Trinkgeld. Aber auch in ganz normalen Geschäften haben wir erlebt, wie Kulanz wirklich aussieht und was guter Service bedeutet. Wenn die Jacke z. B. einen kleinen Fleck aufweist und die letzte in der Größe ist, dann wird nicht lang gefackelt und der Preis wird um 10% gesenkt. Klappt in Deutschland zwar zum Teil auch, aber bei Weitem nicht so unkompliziert und schnell wie in den USA.

Weiter im Programm:
An unserem letzten Tag vor der Abreise ging es nochmal nach Cleveland in Richtung Rock ’n Roll Hall of Fame. Diese besuchten wir dann … nicht. Stattdessen gingen wir in das daneben gelegene Science Museum. Dort konnte man Wissenschaft hautnah erleben und entdecken. An sich gab es dort echt viele coole Experimente und Aussstellungen, insgesamt war es aber eher ein Museum für Kinder, unzwar im Alter 8-12 oder so. Naja unseren Spaß hatten wir dennoch. Interessant waren einige Ausstellungsstücke zum Thema Raumfahrt und der NASA. Da war zum Beispiel eine Raumkapsel ausgestellt, mit der Astronauten wieder zurück auf die Erde kamen nach abgeschlossener Raumfahrtmission. Für Astronauten-Freaks sicherlich empfehlenswert, ich selbst würde das Museum jedoch nicht nochmal besuchen. Zum Abschluss haben wir uns im innerhalb des Museums befindlichen 3-D-Kinos einen Film zum Eisenbahnbau in Kanada angesehen. Dabei wurde die Geschichte der Bahnstecken vom Beginn bis mehr oder weniger heute erzählt und kindgerecht dargestellt, wie erst die Amerikaner mit ihrem Know-How es schafften, die Strecke fertigzustellen. Die ca. 3 Grundschulklassen, die sich ebenfalls in dem Kino mit uns befanden, haben am Ende des Films alle applaudiert. Für meinen Geschmack war etwas zu viel Nationastolz in dem Film eingebracht worden, für ein Land, was zwar Fernzugverbindungen hat, aber so gut wie keine Nahverkehrszüge. Und auch mit den amerikanischen Fernzügen reist man alles andere als bequem. Für mich war das also eine merkwürdige Doppelmoral, aber insgesamt fand ich den Film sehr interessant und noch mit das beste am Museumsbesuch.

Great Lakes Science Center
Great Lakes Science Center
Great Lakes Science Center
Cleveland Schriftzug

Am Abend waren wir dann bei Ruth und Jonathan, zwei Freunden des PPP-Teilnehmers, zum Abendessen eingeladen. Das Essen war sehr lecker und irgendwie komplett anders als das, was wir bis dahin sonst immer so aßen. Es gab ein 3 Gänge Menü bestehend aus einem Salat mit Äpfeln und Wälnüssen als Vorspeise, Geschnetzeltes mit Kartoffelpüree und grünen Bohnen als Hauptgang und einem frisch gebackenem Apfelkuchen mit Schlagsahne als Dessert. Wir hatten einen wirklich schönen Abend mit vielen spannenden Unterhaltungen. Besonders dankbar bin ich für diesen Abend, da ich das Gefühl hatte, tatsächlich einen Eindruck zu bekommen, wie es sich als „Einheimischer“ lebt. Es fühlte sich an diesem Abend eher wie „zu Hause“ als wie „Urlaub“ an, was ich wirklich schön fand und was für mich ein gelungener Abschluss der Reise war. Vielen Dank an Ruth und Jonathan!

Am nächsten Morgen hieß es dann Abschied nehmen von Ohio und natürlich auch von meinem Bruder Marc. Es war zwar nur eine Woche, aber es fühlte sich viel länger an und es war schön, nach einem halben Jahr Abwesenheit wieder etwas als Familie unternommen zu haben. Der Abschied war nicht leicht, aber wir wissen ja, dass wir uns spätestens im Juli zur großen Rundreise an der Westküste wiedersehen werden und kurz danach wird ja auch für Marc schon das Jahr in den Staaten rum sein. Doch das ist alles Zukunftsmusik. Jetzt heißt es erstmal die Feiertage und die Zeit zwischen den Jahren gut zu überstehen und dann im Jahr 2018 den Endspurt anzupacken.

Lieber Marc, ich möchte mich für die wunderschöne Woche und deine Fahrtdienste zu jedem Supermarkt und jeder Sehenswürdigkeit bedanken. Dank Dir durfte ich ein autentisches amerikanisches Leben kennenlernen, was ein normaler Tourist nie sehen wird. Die Woche war mit die schönste des Jahres und ich kann es kaum erwarten, im kommenden Jahr die Westküste der USA zu entdecken! Bleib gesund und lass dich auch weiterhin nicht ärgern!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.